
Rädrige
An den Grenzen des Menschlichen
Für mich sind Monster ganz nah am Menschen dran. Denn alles, was der Mensch nicht ist, ist ein Monster. Sobald der Mensch im Aussehen abweicht von den Regeln der Ästhetik, sobald Fäulnis, Dunkelheit und Warzen sich seiner bemächtigen, gerät er in die Kategorie Monster. Und damit erzählen uns diese Wesen, wer wir sind; über das, was wir nicht sind.
'Die Rädrigen' ist eine Bildreihe, mit der ich den Betrachter auffordere sich seiner Wahrnehmungsfähigkeit und dem eigenen Wunsch, etwas Menschlichem zu begegnen bewusst zu werden.
Seit Urzeiten erzählen wir Menschen uns Geschichten von Wesen, die angsteinflößend sind. Diese Hexen, Monster und Magier bedrohen uns. - In meiner Heimat gab es den Mythos vom Korndämon, einem schwarzen Mann, der in Kornfelder sein Unwesen treibt und Kinder verschlingt. - Diese Angstgeschichten dienten dazu, Kinder davon abzuhalten, in die Kornähren zu laufen und sie kaputt zu machen. Der Mythos wurde von Generation zu Generation weitergetragen, bis er an Bedeutung verlor, weil meine Eltern sich dafür entschieden, Angst als Mittel der Erziehung zu vermeiden.
Ich habe mich mit diesen Schreckenswesen auseinandergesetzt, mich genähert, bin ihnen begegnet, habe sie in meiner Fantasie ausgemalt, sie immer unmenschlicher und grausamer werden lassen; Um schlussendlich festzustellen, dass wir auch im Andersartigen immer das Menschliche suchen.
Ich möchte Sie einladen, sich mit den Rädrigen zu beschäftigen, mit dem Nicht-Schönen, dem Abweichenden, dem Eigenartigen, möglicherweise Abstoßendem. Ich persönlich brauchte diese Aueinandersetzung, um zu den Bildgestalten zu gelangen, die ich jetzt konzipiere.

Wirbellose
Isoliert in Einsamkeit
Es gibt Menschen, die sich in Isolation befinden. Einige sind Authisten, andere eingesperrt oder unterdrückt, traumatisiert; gezwungen, sich in einem Leben, in einem Körper zu befinden, in dem es sich mehr schlecht als recht leben lässt.
Diese isolierten Figuren habe ich abgebildet. Ich möchte, dass sie von uns Betrachtern gesehen werden.
Sie stehen allein auf der Bildfläche, schutzlos ohne Hintergrundfarbe, wie ausgeschnitten, frei schwebend. Ihre Gliedmaßen sind verbogen, ihre Körper zu schwer, um sich aufrecht zu halten. Sie sind physisch absonderlich, haben unzählige Titten, drei Beine oder unförmige Köpfe. - Und doch haben sie eine magische Anziehungskraft, etwas Liebliches, sanft Schönes.
Diese Ambivalenz habe ich versucht einzufangen. Und zeige sie in meiner Werkreihe der Einzelwesen.

Wir-Gebilde
Aufbruch, Tanz und Ritual
Wir-Gebilde zeugen von Wahrheit, Zugehörigkeit, Ritual und Einigkeit. Eine Gruppe ist immer die Aussage des Einzelnen in seiner Macht und Stärke. Und zugleich verschwindet der Einzelne in einer Gruppe. Das Prinzip steht im Zentrum.
Ich kann nicht sagen, dass ich mit der Farbe dieses Prinzip verdeutlichen möchte. Ich habe mich einfach in die Farbstufen des Rot verliebt und die Anordnung zum Motiv meiner Bilder gemacht.
Wir-Gebilde sind Gruppenbildnisse, die eine soziale Einheit zeigen. In dieser Einheit gibt es immer jemanden, den wir stärker ins Visier nehmen, den wir länger betrachten, weil er besonders ist, ein Attribut trägt, das andere nicht haben, anders dasteht oder vielleicht, weil er uns unvermittelt betrachtet. Es ist diese eine Figur, der ich Gesichtszüge gebe, die Mund, Nase und Augen ausgeprägt hat, während die anderen abstrahiert bleiben.
Nichts desto trotz ist jede Figur für sich von Bedeutung, unverzichtbar für dieses Bild und einen Blick wert, weil sie ihre Eigenheit und feinere Ausprägung hat. Schließlich lässt sie die zentrale Figur erst zur zentralen Figur werden.
Diese Wir-Gebilde symbolisieren für mich soziale Gruppen, die stärker sind als der Einzelne, die durch ihr Zusammensein eine Aussage treffen und Stärke entwickeln. Sie agieren im positiven Sinne zusammen. Und doch gibt es auch zerstörerische Tendenzen.
Der Krieg wie er sich jetzt gestaltet, die Welt, wie sie sich jetzt verändert, deutete sich für mich schon 2019 an. 'Kopflos' heißt die Arbeit, die ein Schlüsselwerk für die weiteren dieser Art darstellt.
So weisen meine Bilder auf die uns umgebende Realität hin, nehmen Bezug darauf, bilden ab, was ich wahrnehme, was in der Luft liegt, aber noch nicht klar ist. Und dann kommt als zentrales Thema immer wieder der Tanz als Gegenpol zum stillen Posieren in klarer Symmetrie.
Meine Bilder können als Warnung oder Vision gehängt werden. In diesem Spannungsfeld bewegen sie sich.